Zu zweit unterwegs – durch die launisch-schöne Natur jenseits des Polarkreises weiter nach Norden
- Henning Busse
- 11. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit

Aufbruch zu zweit und jeden Abend ein Feuer
Dominik ist nun also für die nächsten zehn Tage – Anfang bis Mitte August – an meiner Seite, und ich an seiner. Ein paar Ideen schwirren uns bereits im Kopf herum, als wir flink aus Trondheim aufbrechen, weiter gen Norden. Unser nächstes großes Ziel steht fest: die Lofoten. Doch selbst von hier aus liegt noch ein ordentliches Stück Weg vor uns, und in Norwegen kommt man nun mal selten schneller als 80 km/h voran.
Ich bin noch immer leicht angeschlagen, aber wir wollen unterwegs testen, was mein Körper schon wieder mitmacht. Also halten wir für eine kleine Wanderung an – nicht irgendwo, sondern beim wohl größten Holzstuhl, von dem wir bereits gehört hatten. Unten gönnen wir uns eine kurze Mittagspause, dann geht’s den Weg hinauf. Ich spüre jeden einzelnen Schritt, meine Kondition ist noch längst nicht zurück, aber wir schaffen es schließlich bis ganz nach oben. Die Aussicht ist schön – der Stuhl selbst allerdings weniger spektakulär, als ich mir das ausgemalt hatte.
Richtig beeindruckend wird dafür unser nächtlicher Spot. In der Nähe von Snåsa (alle How I Met Your Mother-Fans dürfen an dieser Stelle milde schmunzeln) entdecken wir einen kleinen Strandabschnitt mit einer Schutzhütte. Perfekt für ein Lagerfeuer am Abend. Dominik ist völlig in seinem Element, sobald es ums Zündeln geht – und genau das wird in den kommenden Tagen zu einer liebgewonnenen Tradition: Holz sammeln, mit Muskelkraft klein sägen oder hacken, am Feuer sitzen, einen Schluck Whiskey genießen. Wir quatschen stundenlang – über unsere bisherigen Etappen, über Politik, über die möglichen Wege im Beruf nach der Tour, über alles und nichts. Herrlich.
Entlang unseres Weges finden wir immer wieder Stellplätze, die schöner kaum sein könnten, selbst wenn die Anfahrt gelegentlich über rumpeliges und steiniges Gelände führt. Die Nächte werden inzwischen kaum noch wirklich dunkel, aber ein Lagerfeuer lassen wir uns trotzdem nicht nehmen – es gehört einfach dazu.
Regenpausen und Gletscher-Abstecher
Tag für Tag geht es weiter voran. Die Landschaft entlang unserer Route ist schlicht atemberaubend – hinter jeder Kurve wartet ein neues Postkartenmotiv: saftig grünes Gras, weite Ebenen, glitzernde Seen, weite Wälder und endlose Straßen, die sich wie Bänder durch die Natur schlängeln. Immer wieder müssen wir stehen bleiben, einfach nur, um zu staunen. Norwegen schafft es mühelos, einen in Sekundenschnelle zum Schweigen zu bringen, weil die Aussicht schon wieder schöner ist als die vorherige.
Natürlich bleiben auch Regenschauer nicht aus. Im Gegenteil – sie gehören hier fast schon zum Tagesrhythmus. Mal sind es feine Tropfen, die wie Nebel über die Landschaft ziehen, mal prasselt ein kurzer, heftiger Guss auf uns nieder. Doch wir sind inzwischen routiniert: Regenjacke und -hose liegen griffbereit im Auto, und so erwischt uns das Wetter nie mit voller Breitseite. Wir warten auf eine kleine Fähre irgendwo im Nirgendwo: Regenguss! Wir wollen entspannt draußen frühstücken: Regenguss! Die Natur hier ist launisch, wild und unberechenbar – und vielleicht ist es gerade das, was sie so einzigartig schön macht. Man spürt, dass man hier nur zu Gast ist und die Regeln jemand anderes schreibt.
Kurz vor der Fähre in Bodø halten wir an einem kleinen Fähranleger. In der Ferne schimmert ein helles, fast unwirklich blaues Licht zwischen den dunklen Bergflanken. Zuerst wirkt es wie ein Fleck Farbe inmitten der Felsen, doch je länger wir schauen, desto klarer wird: Das ist er, der Gletscher. Ein gewaltiger, mächtiger Koloss aus Eis, der sich in einen Bergsee schiebt und im Sonnenlicht beinahe leuchtet. Wir müssen da hin. Keine Frage.
Zeit haben wir eigentlich kaum noch, denn die letzte Fähre zurück dürfen wir auf keinen Fall verpassen. Aber wir beschließen: Das Risiko ist es wert. Also schultern wir die Rucksäcke, schnüren die Schuhe fest und machen uns auf den Weg – flink, fast schon gehetzt. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück müssen wir mindestens einplanen. Der Weg führt über schroffe Steine, entlang kleiner Bäche und über weiche Moospolster, die sich unter den Schuhen federnd anfühlen. Die frische, kühle Luft macht uns wach.
Und dann stehen wir plötzlich davor: nah am Gletschereis. Ein riesiger, bläulich schimmernder Körper, uralt und doch lebendig wirkend. Der Wind pfeift leicht, irgendwo knackt das Eis im Inneren, als würde der Gletscher selbst atmen. Der Blick ist schlicht fantastisch – rau, mächtig, still.
Wir machen ein paar schnelle Fotos, atmen tief durch und treten dann den Rückweg an, denn die Zeit drängt. Mit viel zu schnellen Schritten, aber mit einem breiten Grinsen im Gesicht, schaffen wir es tatsächlich noch rechtzeitig zurück zur Fähre. Geschafft, abgeklatscht. So nah an dieser wilden Natur zu stehen fühlt sich großartig an.
Nächte, die nicht dunkel werden
Wir haben inzwischen längst den nördlichen Polarkreis bei 66,5° überquert, und im August wird es hier oben kaum noch wirklich dunkel. Die Sonne verschwindet nur kurz vor Mitternacht hinter dem Horizont, um wenige Augenblicke später wieder aufzusteigen. Dieses Licht, diese Stimmung – es ist schwer in Worte zu fassen. Mystisch, beeindruckend, fast surreal. Der Himmel bleibt hell, doch jede einzelne Wolke wirkt plötzlich düster und schwer, als würde ein Sturm aufziehen. Eine reine optische Täuschung – und gleichzeitig ein Schauspiel, das man nicht mehr vergisst.
Selbst spät am Abend lassen sich noch lange Fahrten unternehmen. Die Straßen liegen dann in einem sonderbaren, schimmernden und leuchtendem Licht. Es gibt einem insgesamt das Gefühl, der Tag hätte doppelt so viele Stunden. Müdigkeit kommt erst spät auf – wie auch, wenn man so viel sieht und erlebt? Die Nächte im Zelt bleiben immer leicht hell, aber irgendwann ist man von den Eindrücken eines solchen Tages so erschöpft, dass man trotzdem in einen tiefen Schlaf fällt.
Apropos Lichtspiele: An einem besonders schönen Nächtigungsspot entlang unserer Route erleben wir ein kleines Schauspiel. Die Wolken ziehen langsam, beinahe würdevoll, über den Himmel, während die Sonne noch knapp über dem Horizont tanzt – ein leuchtendes Orange, das mal hinter den Bergen und Wolken verschwindet, mal wieder hervorblitzt. Es wirkt wie ein Theaterstück, das nur für uns aufgeführt wird. Ein Moment, den ich im Zeitraffer eingefangen habe:
Ankunft auf den Lofoten mit Felswenden, die aus dem Wasser ragen
Manche Sonnenuntergänge brennen so tief orange über dem Wasser, dass man meinen könnte, der Himmel selbst würde glühen – so auch jener kurz vor der Fähre auf die Lofoten. Wir beschließen, genau dort zu übernachten, um am nächsten Morgen die Ersten am lokalen Klettersteig zu sein. Die Route führt spektakulär an einer Felswand direkt über dem Meer entlang, und die Blicke nach unten lassen einem unweigerlich die Knie weich werden. Doch gerade diese Mischung aus Nervenkitzel und Naturgewalt macht unheimlich Spaß – wir klettern mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
An der Fähre erwartet uns dann eine Überraschung: Neben uns steht ein sandfarbener, perfekt ausgebauter Toyota Land Cruiser. Irgendwie kommt er mir bekannt vor … und tatsächlich: Das Paar, das damit die Welt bereist, haben wir bereits in Montenegro auf einem Campingplatz kennengelernt. Die Welt ist wirklich klein. Wir plaudern, tauschen Pläne aus und genießen dieses unverhoffte Wiedersehen, das sich fast vertraut anfühlt, obwohl wir uns eigentlich kaum kennen.
Dann heißt es: rauf auf die Fähre. Nach ein paar Stunden auf dem Wasser tauchen sie endlich am Horizont auf – die Lofoten. Schon aus der Ferne wirken die schroffen Felsen wie ein Filmset, dramatisch, rau und mächtig. Und auch aus der Nähe verlieren sie nichts von ihrem Zauber. Leider hat sich diese Schönheit längst herumgesprochen: Die Inseln sind voll, richtig voll. Camper, Autos, Zelte – wohin man schaut. Es gibt nur wenige Straßen und begrenzte Stellplätze, wodurch sich nichts wirklich verläuft. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für die Einheimischen ziemlich frustrierend ist.
Den ersten Tag stehen wir noch frei, danach suchen wir uns Campingplätze, schon allein, um etwas Ruhe zu finden. Das Wetter meint es nicht immer gut mit uns, aber die kleinen roten Fischerhäuser, die kargen Felsen und die engen Fjorde verleihen allem eine ganz besondere Stimmung. Und wenn der Regen nachlässt, überrascht uns der Himmel mit Regenbögen, wie man sie nur selten sieht – eingebettet in eine Kulisse, die so wild und schön ist, dass man unweigerlich stehen bleiben muss, um sie in sich aufzunehmen.
Wanderwege abseits der Massen
Natürlich wollen wir hier auch wandern. Die Berge schreien förmlich danach, als würden sie uns zurufen: Kommt und schaut euch das Spektakel von oben an! Also beschließen wir, nach einigen Strand- und Dorfbesuchen endlich höher hinauszugehen – aber nicht auf den überfüllten Standardrouten. Wir warten auf den richtigen Moment: das passende Wetter, den richtigen Spot, die abgelegenste Route.
Der Vorteil zeigt sich schnell: Auf unserer achtstündigen Wanderung begegnen wir kaum einer Menschenseele. Es fühlt sich an, als hätten wir die Berge ganz für uns allein. Der Nachteil allerdings ist ebenso deutlich: Die Strecke ist praktisch unmarkiert, der „Weg“ eher eine Idee als ein Pfad. Mal geht es über Geröll, mal durch Moos, mal mitten über Felsplatten, auf denen man selbst entscheiden muss, was wie ein Weg aussieht.
Der Aufstieg ist lang, aber wir schaffen es hinauf. Und dann stehen wir dort – mitten in einer Kulisse, für die es kaum Worte gibt. Weite, Licht, Berge, Wasser – alles fügt sich zu einem Panorama, das man eigentlich nur sehen kann, um es zu glauben. Wir sind sprachlos, würden am liebsten für immer dort oben bleiben …

Doch der Tag ist noch lange nicht vorbei, und vor uns liegt ein ordentlicher, extrem schwieriger Abstieg. Ein paar Müsliriegel und Bananen zur Stärkung, ein letzter Blick – und weiter geht’s. Dann aber passiert es: An einem lockeren Stein, auf einem sehr steilen Abschnitt, rutsche ich weg. Ich fange mich reflexartig mit der Hand und knicke mir dabei den kleinen Finger unglücklich um – sofort schießt ein stechender Schmerz hinein. Später stellt sich heraus: eine Kapselverletzung, die mich noch Monate begleiten sollte. Auch Dominik merkt die Länge und das anspruchsvolle Terrain – nach so vielen Stunden im alpinen Gelände werden seine Knie weich. Wir sind beide völlig durch, aber wir schaffen es einigermaßen heil nach unten und sind gleichermaßen erleichtert wie erschöpft.
Zum Glück hat die Aussicht von oben jede einzelne Strapaze mehr als wettgemacht.
Ein paar Tage später unternehmen wir eine zweite, deutlich kleinere Wanderung – hoch über der größten Stadt der Lofoten, Svolvær. Unten scheint noch die Sonne, doch während des Aufstiegs trifft uns eine steife Brise und ein kurzer Regenschauer frontal. Gut, dass wir ausgerüstet sind: Regenjacken, feste Schuhe, gute Laune. Ein kleinerer Trip, aber trotzdem wunderschön – und wieder ein Stück Lofoten, das man so leicht nicht vergisst.
Der Wind faucht uns nur so entgegen. Es ist wirklich verrückt, wie schnell das Wetter hier oben seine Launen wechselt – manchmal innerhalb weniger Minuten.
Fangglück am Fjord
Björn hatte mir zu Hause eine Angel samt Zubehör mitgegeben, inklusive einer kleinen Einführung, damit ich unterwegs gut gerüstet bin. Und jetzt, endlich, ist der Moment gekommen, das Ganze auszuprobieren. Wir stehen an einem traumhaften Spot direkt am Fjord – Spiegelwasser, klare Luft, umgeben von Bergen. Eigentlich perfekte Bedingungen.
Also werfe ich aus. Und werfe. Und werfe. Dreißig Minuten lang passiert: nichts. Verschiedene Blinker, verschiedene Wurftechniken, unterschiedliche Tiefen – keine Chance, nicht einmal ein zaghaftes Zupfen an der Schnur.
Dominik beobachtet das Ganze eine Weile, bis er schließlich sagt, halb scherzhaft, halb neugierig: „Lass mich mal.“ Er nimmt die Angel, holt aus … erster Wurf. Ein Ruck. Die Schnur spannt sich. Ein Fisch!
Wir schauen uns an, völlig ungläubig – dann brechen wir in Gelächter aus. Und als wir den Fang aus dem Wasser holen, wird’s noch besser: ein richtig stattlicher Dorsch. Ich habe eine halbe Stunde lang geackert, und Dominik braucht 30 Sekunden fürs Abendessen. Unfassbar.
Ein kurzes YouTube-Tutorial zum Ausnehmen später packe ich den Mut zusammen und mache mich ans Werk. Und für das allererste Mal gelingt es mir überraschend gut: sauberes Filetieren, kaum Verschnitt, zwei schöne Stücke Fisch. Frisch angebraten schmecken sie fantastisch – zumindest mir. Dominik entpuppt sich eher als mäßiger Fischfreund, probiert höflich, bleibt aber lieber bei der Beilage.
Abschied und Aufbruch
Leider verging unsere gemeinsame Zeit viel zu schnell. Am letzten Abend, als wollten die Lofoten sich würdig verabschieden, steigt ein riesiger Mond über der gezackten Bergkulisse auf und taucht die Landschaft in warmes Licht. Ein stiller, fast feierlicher Moment. Doch am Ende der Inselkette trennen sich unsere Wege. Für Dominik geht es weit zurück Richtung Heimat – eine lange Strecke liegt vor ihm. Also ein Abschiedsfoto und ein trauriger Blick meinerseits.
Doch es ist klar: Ich fahre weiter nach Norden. Mein nächster Leuchtturm steht fest, und eines weiß ich ganz sicher – ohne Nordkapp-Foto verlasse ich Skandinavien nicht.
Aber bevor ich das Dach Europas erreiche, warten noch einige weitere Zwischenstopps: schöne Städte, gastfreundliche Norweger, viel Natur und der nördlichste McDonalds der Welt auf mich.
Wo das genau ist und was auf dem Weg passiert?
Bleibt gespannt.









































































































































Applaus, Aplaus ………. für diesen wunderschönen Reisebericht mit den beeindruckenden Fotos. Wir haben faktisch an deiner Reise teilnehmen dürfen und auch mit dir beim Sturz und dem Schmerz mitgelitten. Das sind Erlebnisse die man nie vergisst.👏
Wow! 😍 Die Fotos sind fantastisch (naja, nicht das vom ausgenommenen Fisch… 😂) und ich freue mich, dass ich die Landschaft so ein ganz kleines bisschen genießen kann ohne gewandert zu haben. 🫣
Super geschrieben und fantastische Fotos...