Vom Polarkreis zum nördlichen Ende Europas - Rentiere, Horizonte und herzliche Menschen
- Henning Busse
- 30. Jan.
- 8 Min. Lesezeit

Weiter geht’s. Dominik macht sich also wieder auf den Weg nach Süden, ich hingegen unerschrocken weiter gen Norden - eine Geschichte von Anfang bis Ende August.
Wo Fremde zu Gastgebern werden
Die nächsten Tage sollen laut Wettervorhersage regnerisch und etwas kühler werden, also überlege ich, wie ich meine Zeit verbringe. Da wirkt ein Eintrag in der Park4Night-App, auf der man freie Stellplätze und andere Camping-Empfehlungen aus der Community findet, tatsächlich wie ein Geschenk des Himmels.
Kurz vor der Insel Senja soll es eine kleine Hütte geben, direkt an einem See gelegen, mit wundervoller Aussicht. Die Hütte ist zwar Privateigentum einer lokalen Familie, darf aber auf freundliche Anfrage offenbar frei und kostenlos genutzt werden und deckt alle Grundbedürfnisse eines Reisenden ab: Ofen und Herd samt Feuerholz, Trinkwasser, Tisch und Stühle, Kerzen – alles sehr gemütlich. Also beschließe ich, mir das Ganze aus der Nähe anzuschauen.
Und tatsächlich: Kaum irgendwo auf meiner bisherigen Reise wurde ich so freundlich und mit so viel Luxus empfangen. Es gab alles, was das Herz begehrt – sogar frische Eier von den eigenen Hühnern hinter dem Haus. Am ersten Abend wurde ich direkt zum Abendessen ins Familienhaus ein Stück die Straße hinauf eingeladen. Es gab ein wahres Festmahl: Elchragout (selbst gejagt in den umliegenden Wäldern) mit Rosenkohl, Kartoffeln und Preiselbeeren. Wir saßen lange zusammen, führten angeregte Gespräche über dies und das, genossen Essen und Wein und tauschten unsere Erfahrungen aus. Die Gastgeber sind selbst begeisterte Outdoor-Menschen und kamen gerade erst von einer dreiwöchigen Reise durch die schwedischen Wälder zurück.
Es ist unglaublich, wie gastfreundlich manche Menschen sind. Ich durfte so lange in der Hütte bleiben, wie ich wollte – und so harrte ich aufgrund der Wetterlage drei Nächte dort aus, bevor ich schließlich auf die Insel Senja weiterzog, von der ich schon so viel gehört und gelesen hatte. Natürlich nicht, ohne einen Eintrag im Gästebuch zu hinterlassen.
Eine Insel und geteilte Wege auf unterschiedlichen Reisen
Die Insel Senja enttäuscht nicht. Das Wetter ist zwar leider weiterhin durchwachsen, doch das tut der Schönheit der Natur hier kaum einen Abbruch. Felsige Küsten und steile, karge Berge, die direkt aus dem Wasser ragen. Wasserfälle, die im richtigen Licht herrlich glänzen. Kleine bewohnte Inseln, die außergewöhnlich einsam vor der Küste liegen und ein wunderschönes Bild abgeben – wie zum Beispiel Husøy.
Vieles wirkt beinahe mystisch, und insgesamt ist es deutlich weniger touristisch als auf den Lofoten, was ausgesprochen angenehm ist. Und doch treffe ich hier während einer mehrstündigen Wanderung auf einen Gipfel zwei junge Radlerinnen, die sich beide auf dem Weg zum Nordkap entlang der Strecke kennengelernt haben und nun gemeinsam reisen: eine Deutsche und eine Französin. Wir genießen alle gemeinsam oben angekommen nur kurz die Aussicht, denn es braut sich bereits etwas zusammen. Der Himmel zieht zu, der Wind frischt auf, und so fällt der Rückweg deutlich zügiger aus als geplant.
Ich bin ehrlich beeindruckt von den beiden, die sich bei diesem Wetter ohne einen so angenehmen Rückzugsort wie ein Auto mit Dachzelt hier durchschlagen und mit erstaunlich wenig Gepäck auf ihren Rädern unterwegs sind. Mein Erstaunen sollte in den kommenden Tagen noch größer werden, als ich meinen Weg weiter Richtung Nordkap fortsetze und die Landschaft hier im Norden zunehmend karger, rauer und weiter wird.
Je weiter ich fahre, desto mehr verliert sich die Vegetation, desto offener wird das Land und desto windiger die Luft. Bäume werden selten, Farben gedämpfter, die Entfernungen größer. Straßen ziehen sich endlos durch weite Ebenen und vor allem auch lang gestreckt bergauf und bergab. Es ist eine Landschaft, die den beiden viel abfordern muss. aber gleichzeitig eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Man ist hier draußen sehr klein, aber genau das macht den Reiz aus. Aber ich habe gut reden, im warmen Auto, denke ich mir.
1.300 Stufen über dem Meer
Doch erst einmal erreiche ich Tromsø – 344 Kilometer nördlich des Polarkreises.
Den Aufenthalt hier verbringe ich ein paar Nächte in einem Hostel, und Tromsø sollte sich für mich als die schönste Stadt Norwegens herausstellen. Ich fühle mich pudelwohl, plaudere stundenlang mit Marti, einer jungen Italienerin, die zwischen zwei Studiensemestern ein paar Monate hier als Hostel-Angestellte arbeitet – und natürlich Ahnung von gutem Wein hat. Das passt mir sehr gut.
Ich erkunde die Stadt, wandere die Sherpatreppe Stufe für Stufe vom Meeresspiegel hinauf auf den 421 Meter hohen Hausberg Storsteinen. 1300 Stufen sind es, ein echtes Treppentraining für die Oberschenkel. Die Aussicht entschädigt für jede Anstrengung: die Stadt von oben, die Brücke, der Hafen, der Blick auf die Berge auf der anderen Seite der auf einer Insel gelegenen Stadt und die einmalige Architektur der Eismeerkathedrale.
Hier befindet sich übrigens auch der nördlichste McDonald’s der Welt – ein Klassiker für viele Reisende. Ich entscheide mich jedoch lieber dafür, die Geschichte der Stadt bei einer Free-Walking-Tour im Nieselregen zu erkunden und genieße am Abend die Sauna auf dem Saunaboot, das ruhig im Hafen von Tromsø ankert.
Ich verlasse Tromsø mit der Gewissheit, dass ich hier noch einmal zurückkommen werde. Die Stadt ist zwar nicht groß, aber die Atmosphäre und die Menschen sind jung, dynamisch – und die Landschaft hier einfach wunderschön.
Hafenstadt am Rand der Arktis und die Vermessung der Welt
Nächster Stopp: Hammerfest! Noch rauer als Tromsø liegt hier eine der nördlichsten und historisch bedeutendsten Hafenstädte der Welt. Schon im 18. und 19. Jahrhundert war der Hafen ein Knotenpunkt für Fischerei, Handel und arktische Seefahrt. Expeditionen Richtung Nordpol machten hier Halt, um Vorräte aufzunehmen. Auch heute ist der Hafen Anlaufpunkt für die Hurtigruten-Schiffe sowie für die arktische Fischerei und die Erdölgewinnung.
Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg beim Rückzug der deutschen Wehrmacht 1944 nahezu vollständig zerstört und wirkt daher heute eher funktional als historisch gebaut. Trotzdem ist das Stadtbild ikonisch schön: Die wiedererkennbare Kirche, nachts beleuchtet, wirft zusammen mit der Ölfackel ein herrliches Licht über die ruhige See des Hafens.
Übrigens steht hier auch ein Denkmal für die Struve-Meridianbogen-Vermessung: ein Obelisk mit einer Weltkugel, der an eines der größten wissenschaftlichen Experimente seiner Zeit erinnert – die exakte Vermessung der Erde. Hammerfest liegt am nördlichen Ende dieses Messprojekts. Der Meridianbogen erstreckt sich rund 2.820 Kilometer vom arktischen Norwegen bis zum Schwarzen Meer und ist für mich auch eine kleine Reminiszenz an meine eigene Reiseroute.
Von hier aus ist sind es nur noch rund 200 km bis zum Nordkapp. Fast geschafft. Und auf dem Weg entdecke ich unzählige Rentiere in ihrer freien Umgebung. Eins schöner als das andere und wirklich viele weiße Rentiere überall. Ich halte oft an, um sie zu fotografieren. Aber das sollten nicht die einzigen Tiere sein, dich ich bestaune. Auch Delphine sagen mir an einem späten Abend in einer Bucht kurz Hallo als ich nicht damit gerechnet habe. Ich saß an einem schönen Spot, fernab auf einer Bank direkt am Wasser. Ein wenig Zeit vorbeiziehen lassen, ein wenig Steine flitschen. Und dann höre das Schnaufen und bin wirklich überrascht nur wenige Meter entfernt unzählige dieser schönen Tiere in der Abenddämmerung zu sehen. Sie sind wirklich nah und ich flitze zur Kamera, um ein paar Schnappschüsse zu machen. Diese Natur hier, ach - ich bin hin und weg.
Ein halbe Stunde am Ende Europas - Nett hier, aber...
Noch ein Stopp direkt am Wasser zur Übernachtung. Unzählige Blaubeeren, Cranberries und Pilze säumen den Weg. Norwegen ist ohnehin übersät mit diesen kleinen Schätzen der Natur. Noch ein paar Kurven, ein paar Kilometer, ein wenig Podcast auf den Ohren – und dann erreiche ich meinen persönlichen Leuchtturm: das Nordkap.
Es ist einer dieser Orte, die mehr Gefühl als schöne Geografie sind. Das Nordkap liegt auf der Insel Magerøya und ist, nüchtern betrachtet, „nur“ ein 307 Meter hoher Steilfelsen, der fast senkrecht ins Nordpolarmeer abfällt. Oft wird es als der nördlichste Punkt Europas bezeichnet – streng genommen stimmt das nicht ganz, denn es gibt weiter nördlich gelegene Landpunkte. Entscheidend ist: Es ist der nördlichste Punkt Europas, der über eine Straße erreichbar ist. Und genau das begründet seinen Mythos.
Das einmalige Gefühl hier oben entsteht durch die bekannte globusförmige Stahlskulptur, genau zu Erdachse ausgerichtet ist, durch den Blick auf das offene Meer Richtung Arktis über die Kante des steilen hohen Felsvorsprungs und oft auch durch die Mitternachtssonne im Sommer – die ich leider wetterbedingt nicht wirklich zu Gesicht bekomme. Und schon seit dem 19. Jahrhundert pilgern Reisende aus aller Welt an diesen Ort: früher per Schiff, heute mit Motorrad, Fahrrad, Camper oder eben mit Auto und Dachzelt. Für viele ist das Nordkap weniger ein spektakulärer Ort als vielmehr ein symbolisches Ende – oder ein Anfang. Man steht hier, blickt nach Norden, und hinter einem liegt plötzlich ein ganzer Kontinent, auf den man gedanklich zurückblickt. Und auch ich überlege genau hier, wo ich seit Anfang Mai schon überall war und wie verrückt der Weg hierher eigentlich wirklich ist. Man denkt viel zu wenig drüber nach, wenn man Tag für Tag im Reisemodus ist.
Kurz gesagt: Das Nordkap ist nicht der spektakulärste Ort Norwegens, aber einer der bedeutungsvollsten – oder zumindest einer der emotionalsten, wenn man reisend unterwegs ist.
Und auch ich fühle mich glücklich und froh, hier zu stehen. Ein paar lustige und sportliche Fotos sind natürlich Pflicht. Doch der Wind pfeift mir konstant frisch um die Ohren, ein paar Regentropfen kommen ebenfalls dazu, und so halte ich es keine halbe Stunde aus. Ich klebe noch ein kleines „Nett hier, aber …“-Andenken an die stählerne Tür unweit der Statue, verabschiede mich von diesem lange ersehnten Zwischenziel hoch im Norden und mache mich wieder auf den Weg.
Mehr Norden geht nicht
Denn was nun noch vor mir liegt, ist kaum in Worte zu fassen, wenn es um Momente reiner Schönheit geht. Im Gegensatz zum Nordkap ist Slettnes ein echter Geheimtipp, den mir unterwegs ein reisendes Pärchen ans Herz gelegt hat.
Der Ort liegt ganz im Nordosten Norwegens, auf der Nordkyn-Halbinsel in der Finnmark, nahe dem kleinen Ort Gamvik - fast auf gleicher Höhe wie das Nordkap selbst. Weit draußen, windoffen, karg. Hier endet nicht nur die Straße, sondern gefühlt auch die ganze Welt. Berühmt ist Slettnes vor allem für seinen Leuchtturm: Der "Slettnes fyr" ist der nördlichste Festland-Leuchtturm der Welt. Kein Insel-Leuchtturm, kein symbolischer Titel – echtes Festland, echtes Ende Europas.
Der Turm ist wirklich schön markant rot-weiß, steht in einer flachen, steinigen Küstenlandschaft und trotzt seit 1905 Wind, Eis und Dunkelheit. Die Umgebung ist typisch arktisch: flache Tundra, kaum Bäume, eine schroffe Küste mit großen, wild verstreuten Steinen, ein unruhiges Meer voller Seevögel und ein stetiger Wind, der aus der scheinbar endlosen Weite herüberzieht.
Slettnes wirkt erst nicht spektakulär im klassischen Sinne. Keine dramatischen Fjorde, keine steilen Berge. Stattdessen eine fast radikale Ruhe. Alles erscheint reduziert: Farben, Geräusche, Bewegung, keine Menschen weit und breit. In der Ferne sieht man ab und an ein Hurtigruten-Schiff vorbeiziehen. Man steht dort, hört den Wind, blickt auf das Meer – und spürt, wie klein man selbst ist. Doch dann kommt der Moment, wenn die Sonne tief steht, es entsteht ein warmes Licht über dieser Landschaft, ein Bild, das ich kaum beschreiben kann, so schön ist es.
Dieser Anblick hat mich wirklich getroffen, und ich habe versucht, ihn in Bildern festzuhalten. Worte reichen hier nur schwer aus.
Für mich war dieser Ort beinahe bedeutungsvoller als das Nordkap selbst. Weniger Menschen, weniger Inszenierung, mehr Echtheit – und eine Schönheit der Natur, die etwas tief in einem berührt. Wer hierher kommt, kommt nicht, um einfach nur „da gewesen zu sein“, sondern um zu bleiben und zu genießen – zumindest für einen Moment. Und so übernachte ich hier unweit des Leuchtturms und mache mitten in der Nacht noch ein paar Langzeitbelichtungen, um die dunkle Stille dieses Ortes einzufangen. Am nächsten Morgen begrüßen mich die Rentiere direkt am Auto. Alles fühlt sich hier unglaublich naturverbunden an.
Von hier aus geht es praktisch und tatsächlich nur noch nach Süden. Eine Wahl habe ich ohnehin nicht. Also Dachzelt zusammengepackt, letzte Blicke auf die Weite des Nordens und auf nach Süden, in Richtung finnische Grenze.
Ich verlasse nach einigen Wochen Norwegen, ein Land, das ich wirklich ehrlich lieben gelernt habe – mit seinen endlosen Fjorden, den schroffen Küsten, den beeindruckenden Scenic-Routes, den weiten Tundralandschaften, der schönen Tierwelt, der Mitternachtssonne, die kaum untergeht, den lebendigen, jungen Städten wie Tromsø, den stillen, kargen Inseln wie Senja und den oft zurückhaltenden, aber dennoch herzlichen Menschen. Hierher werde ich zurückkehren – ganz, ganz sicher.
Was mich in den kommenden Wochen nun aber im finnischen Norden erwartet?
Bleibt gespannt.











































































































































































































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