Eine Geschichte der Vielfalt der Kulturen, dem blutigen Krieg und der jungen Zuversicht.
- Henning Busse
- 17. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit

Nach dem Zerfall Jugoslawiens erklärte Bosnien und Herzegowina 1992 seine Unabhängigkeit. Ein Spannungsfeld zwischen der Vielfalt der Kulturen entstand. Was folgte, war ein grausamer Krieg zwischen den drei ethnischen Gruppen: Bosniaken (mehrheitlich muslimisch), Kroaten (katholisch) und Serben (orthodox). All deren Einflüsse prägen noch heute die Landschaft, das Stadtbild, die Kultur und die Kulinarik. Wir versuchen, etwas tiefer einzutauchen und eine Ahnung davon zu bekommen, was hier vor gerade einmal rund 30 Jahren einen schrecklichen Höhepunkt fand und wie die Menschen heute damit umgehen.
Die Spannungen entluden sich damals in einem brutalen Konflikt, in dem ethnische Säuberungen, Massaker und systematische Belagerungen traurige Realität wurden.
In Sarajevo berichtet uns eindrucksvoll und doch voller Zuversicht in die Zukunft blickend ein junger Sarajlija vom ewigen Tauziehen der Region zwischen den Großmächten – den Osmanen, den Habsburgern (Österreich-Ungarn) – und damit verbunden auch von den Religionen: dem Islam und dem Katholizismus. Er erzählt vom Bosnienkrieg und von der größten und längsten Belagerung einer Stadt in der modernen Geschichte. Seine Eltern konnten – wie knapp eine halbe Million weitere Einwohner Sarajevos – ganze vier Jahre (1992–1996) die Stadt nicht verlassen. Keiner kam rein, keiner raus.
Die Einwohner lebten ohne Strom, Wasser oder ausreichende Nahrung, während Scharfschützen die Straßen in Todeszonen verwandelten. Aufgrund der Kessellage der Stadt musste bei jedem Gang mit einem tödlichen Schuss aus dem Nichts gerechnet werden. Die unzähligen Einschusslöcher in den Fassaden der Häuser und die in der ganzen Stadt als Gedenkstätten erhaltenen „Rosen von Sarajevo“ – rot markierte Einschlaglöcher von Granaten – erzählen noch immer von diesem unvorstellbaren Zustand. In Summe ein grausamer Versuch der zivilen Zermürbung durch nationalistische bosnisch-serbische Truppen, dem am Ende über 11.000 Menschen zum Opfer fielen.
Unser Fahrer, der uns zu ehemaligen Heckenschützen-Positionen, dem „Tunnel of Hope“ (einem knapp einen Kilometer langen, versteckten Tunnel, der die Stadt neben der Luftbrücke mit Lebensmitteln, Waffen und Informationen versorgte), sowie durch die verschlungenen Straßen Sarajevos führte, war zur Zeit der Belagerung selbst hier eingeschlossen. Er eröffnete uns persönliche Geschichten und Eindrücke des Widerstands, die er als Funker und später als Polizist in der Stadt erlebt hatte.
Wir haben Sarajevo nicht „nur“ besucht, sondern auch erlebt. Und neben den grausamen Geschichten der jungen Vergangenheit sind wir tief beeindruckt vom heutigen lebendigen Treiben auf den sonnigen Plätzen, vom Lachen junger Frauen, die gerade ihren Abschlussball feiern, von der Vielfalt der Kulturen, die hier Tür an Tür leben, vom scheinbaren Wohlwollen und der Aufgeschlossenheit der jungen wie der alten Generation. Friedliche Vielfalt an jeder Ecke. All das nach so kurzer Zeit.
Einzig das komplexe und lähmende politische System – mit seinen unzähligen eigenständigen Parlamenten, Verfassungen und Gerichten sowie dem alles überwachenden Hohen Repräsentanten – wird von allen Seiten kritisiert. Der Hohe Repräsentant wird hier nicht ohne Ironie als „ausländischer König“ bezeichnet. Er besitzt umfassende, alleinige Machtbefugnisse über ganz Bosnien und Herzegowina und wurde 1995 zur Wahrung und Überwachung des Friedensvertrags von der UN installiert.
Fun Fact: Aktuell "herrscht" hier übrigens tatsächlich ein deutscher König über Bosnien und Herzegowina: Christian Schmidt (CSU).
Nach der Besichtigung der alten Bob-Rennbahn, die für die Olympischen Winterspiele 1984 gebaut wurde, heute aber ein abandoned place und Treffpunkt für Jugendliche und wilde Mountainbiker ist, die die Betonwanne hinunterrasen, und nach einer Nacht in einem Airbnb in der Stadt, zieht es uns weiter nach Mostar.
Auch hier können sich Adrenalinjunkies messen: beim Sprung vom Wahrzeichen der Stadt – der "Stari Most", einer 1566 von den Osmanen erbauten Brücke, die 1993 während des Krieges zerstört und 2004 mit internationaler Hilfe wieder aufgebaut wurde. Ganze 20 Meter bei 2 Sekunden freiem Fall geht es hinab in das kalte Wasser der Neretva. Wir haben es – der Gesundheit zuliebe – doch lieber gelassen.
Allemal ein schönes Fotomotiv. Auch die engen Gassen und die unzähligen Terrassenrestaurants vermitteln – neben dem Symbol der Brücke – ein Flair der Verbindung zwischen Ost und West, zwischen den Kulturen und Religionen.
Strahlende Sonne, tolle Ausblicke und ein Eis auf die Hand lassen uns hier zufrieden grinsend zurück. Wir fahren der Sonne entgegen und überqueren noch einmal die Grenze im Süden nach Kroatien.

Was wir hier erleben: Bleibt gespannt.

































































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