Dem Bären so nah - dem Wein nicht fern. Eine Reise zu zweit durch Bulgarien und Rumänien.
- Henning Busse
- 26. Aug. 2025
- 8 Min. Lesezeit

Warna und die Überraschung
Aber der Reihe nach – denn bis zu den Bären ist es noch ein weiter Weg.
Gerade erst Istanbul verlassen, geht es in den nächsten Tagen nordwärts. Über die türkische Grenze hinein nach Bulgarien, zügig in Richtung Warna (oder Varna) – dem historischen und maritimen Herzen Bulgariens an der Schwarzmeerküste.
Warna gilt als eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte Europas. In den frühen 1990er-Jahren wurde hier das sogenannte „Gold von Warna“ entdeckt – ein bedeutender archäologischer Fund: das älteste bearbeitete Gold der Welt, dessen Ursprung bis in die Kupferzeit um 5.000 v. Chr. zurückreicht. Kein Wunder also, dass die Kuppeln des weithin sichtbaren Wahrzeichens der Stadt – der Kathedrale der Himmelfahrt der Heiligen Mutter Gottes – golden im Sonnenlicht schimmern.
Auf der Suche nach möglichen Übernachtungsplätzen verirre ich mich auch in Viertel, in denen sich die Armut der einfachen Bevölkerung zeigt – ebenso wie das Fehlen eines funktionierenden Sozialstaats oder einer geregelten Abfallwirtschaft. Auch das sind Seiten dieses Landes – und dieser Stadt, in der nicht alles Gold ist, was glänzt.
Doch eigentlich bin ich nicht wegen der Stadt hier. Auch nicht wegen der scheinbar endlosen, feinen Sandstrände, die Warna jedes Jahr zum Urlaubsziel unzähliger Touristen machen – auch wenn ich hier natürlich die ein oder andere Stunde am Meer verbringe, um meinen Teint aufzubessern. Als ob das nach Wochen in der griechischen und türkischen Hitze noch nötig wäre...
Nein, es gibt einen anderen Grund. Spät in der Nacht zieht es mich zum Flughafen – denn ich bekomme freudigen Besuch.
Relativ spontan, aber umso freudiger fragte mich Kristin – im Leipziger Freundeskreis nur Kristschn genannt – ob sie mich für einen kleinen Teil meiner Reise begleiten könne. Sie hatte noch ein paar Urlaubstage übrig und verspürte, möglicherweise inspiriert durch meine Geschichten, Lust auf ein kleines Outdoor-Abenteuer. Zwei Länder in Osteuropa wollte sie entdecken – Länder, in denen sie noch nie gewesen war und die sie bislang nur durch die teils wilden, leicht verstörenden Berichte ihrer Mutter und Großmutter zu kennen glaubte. Doch dieses Bild im Kopf sollte sich nachhaltig ändern.
Also klar – warum nicht? Jede Begleitung ist hier herzlich willkommen. Gefragt, gesagt, getan. Der Direktflug von Leipzig nach Warna passte perfekt in unseren beider Zeitpläne. Und so sammelte ich Kristschn am Flughafen ein – plötzlich war da jemand die nächsten Tage auf meinem Beifahrersitz, der sonst ausschließlich vom wilden Chaos aus Klamotten, Getränken und Snacks beherrscht wurde. Also los – gemeinsam durch die wunderschöne Landschaft Bulgariens und Rumäniens, mit jeder Menge Abenteuer im Gepäck.
Die erste Nacht verbrachten wir noch auf einem kleinen Öko-Campingplatz südlich der Stadt, mit direktem Zugang zu einem versteckten Strandabschnitt. Kristschn wollte unbedingt noch ein wenig das Schwarze Meer genießen – also blieben wir den Tag über dort.
Für mich war es eigentlich kaum auszuhalten: Sonne satt, drückende Hitze, kein Lüftchen. Aber Sonnenbaden und ein bisschen Planschen waren nun mal versprochen – also hielten wir Wort, bevor es am späten Nachmittag weiter ins Landesinnere ging.
Quer durch Bulgarien im Outdoor-Style
Auf einer Anhöhe mitten im Nirgendwo schlugen wir unser Camp auf. Wir kochten Abendessen, quatschten über die bisherige Reise und was in Leipzig so los ist – und planten natürlich die nächsten Vorhaben. Bei einem Glas – na gut, einer Flasche – Wein.
Das nächste Ziel: Wandern und ein Besuch der Hauptstadt Sofia.
Auf dem Weg dorthin: Städte mit Denkmälern und Gebäuden im klaren sowjetischen Stil, gefolgt von immer schöner werdender einsamer und weiter Natur. Es ist meist bullig heiß, doch wir lassen uns davon nicht aufhalten. Unsere geplante Wanderung entlang der Route steht an. Was sollte uns auch bremsen? Zwei, die sich sonst beim HYROX-Training in Leipzig gegenseitig bis ans Limit pushen, lassen sich von 35 Grad und einer Wetterlage, die in den umliegenden Gegenden zu Buschbränden führt, bestimmt nicht aufhalten. Schwäche zeigen? Gibt’s bei uns nicht.
Also ziehen wir durch: zig Höhenmeter, etliche Kilometer – bergauf, bergab, schweißnass, aber glücklich. Unterwegs begegnen wir: fast niemandem. Nur ein paar flatternden Schmetterlingen und einer Natur, die sich von ihrer schönsten, stillsten Seite zeigt. Bis das Gewitter in der Ferne aufzieht. Zum Glück zieht es ein paar Kilometer an uns vorbei und wir schaffen den Abstieg im Trockenen.
Es treibt uns weiter in die Hauptstadt – nach Sofia. Zur Abwechslung schlendern wir hier mal ganz gemütlich durch die Straßen und lassen die Stadt einfach auf uns wirken.
Zwischen prachtvollen Kirchen und reich verzierten Theaterhäusern, die von eleganter Baukunst zeugen, entdecken wir auch die „modernen“ Wahrzeichen: überdimensionale Coca-Cola- und McDonald’s-Werbetafeln auf den Dächern der Stadt. Und dazwischen auch lustige Kindermodegeschäften, deren Name bei uns zum Schmunzeln führt.
Sightseeing à la Kristschn: Ein Smoothie in der Hand, noch ein Kaffee entlang der Flaniermeile – und dann geht’s auch schon weiter. Die Hauptstadt war nett, aber der Weg ruft.
Denn es zieht uns beide doch mehr in die Natur – zu den stillen Schönheiten, die hier verborgen liegen. Also wieder rauf auf den anstrengenden Wanderpfad, nach einer ausgiebigen Stärkung im Camp. Das Essen gelingt uns sowieso stets und schmeckt super.
Diesmal wirkt alles noch eine Spur intensiver: die Strecke steiler, die Hitze drückender, die Umgebung einsamer. Nicht eine einzige Person begegnet uns auf dem Weg. Wer ist auch schon so verrückt und tut sich das hier freiwillig an? Na klar – wir.
Im Anschluss führt uns die Reise nach Belogradchik, eine kleine Stadt im Nordwesten Bulgariens, weit abseits der gängigen Touristenpfade. Gelegen an den Ausläufern des Balkangebirges ist sie der perfekte Zwischenstopp auf unserem Weg nach Rumänien – denn schließlich wollen wir endlich Bären sehen.
Doch zunächst erwartet uns hier ein anderes Naturwunder: Über Kilometer hinweg ragen bizarre Felsformationen aus dem Boden – Sandstein-Konglomerate, geformt von Wind und Zeit. Viele tragen Namen, je nach Form oder Fantasie: „Der Reiter“, „Die Nonnen“, „Adam und Eva“ oder „Der Bär“. Ob sich diese Assoziationen einem wirklich erschließen, ist fraglich – aber ansehnlich sind sie allemal, vor allem von der alten Festungsanlage hoch oben, die sich eindrucksvoll in die Felsen schmiegt.
Wir übernachten am Fuß der Formationen, auf einem großen offenen Platz, von dem aus bei ruhigem Wetter Heißluftballons starten – sicher ein großartiges Schauspiel mit den Felsen im Hintergrund. Nur: Zu unserer Zeit startet keiner. Macht nichts. Ein Schauspiel ist schließlich auch, wie sich Kristschn hier die Haare wäscht! Am nächsten Morgen geht’s weiter – über die nördliche Grenze nach Rumänien.
Transsilvanien mit tierischen Begegnungen
Rein in das sagenumwobene Land von Dracula – und von den angeblich bettelarmen Dörfern voller Omas mit Kopftüchern. Zumindest, wenn man Kristschns Großmutter und Mutter glauben will. Doch es sollte ganz anders kommen.
Wir diskutieren lange, ob wir es wirklich wagen - denn es wird eine lange Strecke. Aber die Anziehungskraft der möglichen Bärenbegegnung und die angeblich überwältigende Aussicht entlang der wohl schönsten Passstraße der Welt, der Königin der rumänischen Straßen – der Transfăgărășan – lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu.
Also rein ins Auto und sechs bis sieben Stunden Fahrt mit viel Gequassel – tief hinein in die Südkarpaten, nach Transsilvanien. Zu Deutsch: Siebenbürgen.
Wobei mir Transsilvanien irgendwie treffender erscheint – es bedeutet so viel wie „das Land jenseits des Waldes“, abgeleitet aus dem Lateinischen trans (jenseits) und silva (Wald). Auch die berühmte Dracula-Burg ist hier nicht weit. Wir lassen sie links liegen und entscheiden uns stattdessen für das, was uns mehr reizt: die dramatische Kombination aus Serpentinen, Bergen, Tunneln, Seen und atemberaubenden Ausblicken entlang der Straße, die sich schier endlos in die Höhe windet – ein absolutes Muss für jeden, der Rumänien abenteuerlich bereisen will.
Das Wetter ist leider durchwachsen, aber hin und wieder öffnet sich ein mystischer Blick auf die Landschaft. Es hat etwas Magisches – gerade durch die Wolken, den Nebel, den Regen. Wir sind ohnehin gut ausgestattet und nicht zart besaitet.
Am Fuße des Passes, dessen höchste Stelle auf 2.042 Metern liegt, stehen sie dann: die Hinweisschilder Don’t feed the bears!
Wir nehmen das ernst und tatsächlich: Nach einem kurzen Stopp an einem See entdecken wir hinter den nächsten Kurven die ersten Bären. Und es werden immer mehr. Große alte Bären sitzen scheinbar entspannt auf den seitlichen Mauern entlang der Serpentinen, junge Bären spazieren gemächlich mit ihren Müttern am Straßenrand, als gehörten sie ganz selbstverständlich hierher – und als kennen sie sogar die Verkehrsregeln. Es wirkt surreal. Die Tiere scheinen an Menschen und Autos gewöhnt zu sein. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen:
Nur drei Tage vor unserer Durchfahrt kam hier ein Motorradfahrer ums Leben – attackiert von einem Bären, während er versuchte, ein Selfie mit ihm zu machen. Ein tragisches, aber deutliches Zeichen: Es sind und bleiben wilde Tiere! Und so stellt sich uns nicht nur ein Mal entlang der Strecke die Frage: Autoscheibe offen – oder lieber doch zu?
Auch ein Fuchs kreuzt noch unseren Weg, bevor wir – nach einer wilden Abfahrt auf der nördlichen Seite des Passes – am Fuße eines eiskalten Baches ankommen. Genau dort schlagen wir unser Lager für die Nacht auf. Hier sollten wie später noch spontan baden gehen – eiskalt, aber kurz herrlich erfrischend. Fast verliere ich im Halbdunkel einen meiner Latschen im Wasser, doch mit etwas Geplansche kann ich ihn retten. Glück gehabt.
Diesmal bauen wir das Camp regensicher auf – mit Tarp, denn der kommende Abend und der nächste Morgen versprechen feucht zu werden. Es ist kühl, leicht nass – und trotzdem irgendwie gemütlich und erfüllend. Vielleicht gerade wegen der Eindrücke dieses besonderen Tages. Und wie immer lassen wir den Abend mit einem Glas Wein ausklingen. Oder vielleicht auch zwei.
Vom Weingut in die ungarische Hauptstadt
Apropos Wein: Der nächste Tag toppt zu diesem Thema übrigens alles. Wir fahren weiter zum Weingut Elite Wine an der westlichen Grenze Rumäniens, nahe Arad.
Es ist kaum zu glauben, wie gastfreundlich der junge Besitzer Alexander hier ist. Er spricht ziemlich gut Deutsch, denn er hat einige Jahre bei einer großen Weinkellerei an der Mosel gearbeitet, bevor er zurück nach Rumänien zog und das Weingut seines Vaters vergrößerte und modernisierte.
Wir übernachten vor seinem hübschen Anwesen, genießen eine warme Dusche im Haus, bekommen eine Führung durch seine Weinkeller und den modernen Herstellungsprozess, machen einen Spaziergang durch die sonnendurchfluteten Weinberge und erleben eine abendliche Weinverkostung auf der großen Terrasse – mit Snacks und praktisch einem gratis All-You-Can-Drink-Angebot, das wir natürlich nutzen.
Wir kommen hier voll auf unsere Kosten. Die Abendsonne, die ein herrliches Bild zaubert, ist schon längst untergegangen, bevor wir einige Flaschen geleert und gut gelaunt ins Dachzelt kriechen.
Aber: Erstaunlicherweise kein Kater am nächsten Morgen. So geht es für uns mit einigen lokalen Weinflaschen im Gepäck weiter – mit einem kurzen Stopp in einem rumänischen Dorf, das uns schon am Tag zuvor aufgefallen war. Hier scheinen sich angeblich Sinti- und Roma-Familien in einem Wettstreit um das prächtigste Anwesen der Nachbarschaft zu befinden, zwischen vielen Protzbauten, von denen einige nie ganz fertiggestellt wurden. Ein seltsamer Kontrast zu den sonst eher gleichförmigen Dörfern, die zwar nicht hässlich sind, aber weniger extravagant wirken – mit ihrer langen Hauptstraße, einer Kirche und großen Gärten hinter den einfachen Häusern. Generell wirkt Rumänien relativ modern und deutlich besser ausgebaut als es die Erzählungen der Vorfahren vermuten ließen.
Aber nun auf bis in Ungarns Hauptstadt Budapest. Dort machen wir eine kleine Stadttour – hoch auf den Gellértberg, entlang des wunderschönen Parlamentsgebäudes bis ins lebendige jüdische Szeneviertel. Für Kristschn sollte es leider schon am nächsten Morgen mit dem Zug zurück nach Leipzig gehen. Sie kam dort zwar – dank der zuverlässigen Zuverlässigkeitsprobleme der Deutschen Bahn – mit einer ungeplanten Hotelübernachtung in München erst einen Tag später an. Ich hoffe trotzdem, dass sich die Strapazen gelohnt haben.
Ich jedenfalls habe die Reise zu zweit sehr genossen und möchte ein großes Dankeschön aussprechen. Eine willkommene Abwechslung mit einer Person, die ebenso pragmatisch, outdoor-affin, herausfordernd sportlich und zugleich unkompliziert auf abenteuerlichen Reisen ist wie ich. Immer gerne wieder!
Doch auch die nächsten Tage, die ich noch in Ungarn verbringe, sind voller Freunde, Freude und Sonne. Wen ich hier treffe und was wir zusammen erleben?
Bleibt gespannt.















































































































































Vielen Dank für die schöne, abenteuerliche und abwechslungsreiche Urlaubswoche! 🤗